DACHAU

Gedenkstätten sind Lern- und Erinnerungsorte gleichermaßen. Gedenkstättenpädagogische Arbeit muss dies berücksichtigen und eine angemessene Sprache finden. Wie kann nun den Besucher*innen, die mit ihren eigenen Erwartungen kommen, die Geschichte und Funktion eines Konzentrationslagers dargestellt, die Situation der Häftlinge, die Gewaltexzesse der Täter beschrieben und der Ort eben auch als Gedenkort geöffnet werden?

Nora Schütz, Geschichtsstudentin an der Ludwig-Maximilian-Universität München, absolvierte 2019/2020 am Max-Mannheimer-Studienzentrum in Dachau ihr Freiwilliges Soziales Jahr. Sie beschäftigte sich eingehend mit der Geschichte des Konzentrationslagers und der Bildungsarbeit an der KZ-Gedenkstätte Dachau.

In diesem Podcast stellt sie in sieben Stationen Elemente eines von ihr konzipierten Rundgangs vor. Dabei ist es ihr wichtig, v.a. Jugendlichen eine reflektierte wie empathische und doch jegliche emotionale Überwältigung vermeidende Begegnung mit dem Ort zu ermöglichen.

SS-Gelände
„Die Sonne kommt hervor. Als wir aus dem Waggon aussteigen, blendet uns das Licht und verbrennt uns. Unsere Kolonne hat sich seit dem Abmarsch aus Gandersheim um die Hälfte vermindert. Es bleiben vielleicht hundertfünfzig. Jo hilft mir beim Gehen. Die schweigsame Brüderlichkeit Jos. Im Waggon den Kopf an seiner Schulter, die Sojabohnen in der hand, jetzt sein Arm, auf den ich mich stütze. ‚Zu fünft!‘ Wieder einmal. Wir passieren das Eingangstor. ‚Arbeit macht frei‘ steht darüber. (Robert Antelme: das Menschengeschlecht. [L’espèce humaine.] Übs. Eugen Helmé. München, Wien 1987, S.385f.)


Häftlingskategorien
„[9. Juni 1944] Wie leicht haben es unsere gemeinsamen Feinde, die verschiedenen Farben gegeneinander auszuspielen! Nichts ist ja uns Menschen willkommener, als einen Grund zu finden, der es uns ermöglicht, uns der Pflicht zu Kameradschaft, Hilfe und Liebe zu entschlagen. Wie gerne lassen wir uns weis machen, daß wir besser seien als andere. Wie bequem ist es, stets eine Gruppe von Menschen bereit zu haben, die man als Sündenböcke für alle Missetaten und als Prügelknaben für alle Strafen verwenden kann. Und so haben sich die Spekulationen auf diese dunkle Seite der menschlichen Natur als richtig erwiesen.“ (K.A. Gross: Zweitausend Tage Dachau. Erlebnisse eines Christenmenschen unter Herrenmenschen und Herdenmenschen. Bericht und Tagebücher des Häftlings Nr. 16921, München o.J. [1946], S. 238)

Appellplatz
„Die Baracken schimmerten grün durch den Stacheldraht. Selbst von weitem sah man, daß alles peinlich sauber gehalten war und nicht das kleinste Stückchen Papier herumlag. Aber über allem hing etwas Unerbittliches, etwas Furchtbares, etwas Eiskaltes. Nie zuvor in meinem Leben habe ich eine Umgebung so bedingungslos gefährlich und feindlich empfunden.“ (Kupfer-Koberwitz, Die Mächtigen und die Hilflosen. Als Häftling in Dachau, Bd. 1: Wie es begann, Stuttgart 1957, S. 54)


Bunker Baracken Bad
„Wenn nur das Grauen nicht wäre, das nachts aus den dunklen Ecken meiner Zelle auf mich zukriecht, als wolle es mich würgen. Besonders schlimm ist es nach den Abenden, an denen ich die Auspeitschungen anhören muß, welche draußen vor meiner Zelle stattfinden. Dann stehe ich lauschend im Dunkeln und zähle das Klatschen der Peitschen auf den Körpern der Unglücklichen. Oft sind es über fünfzig Hiebe. Ich presse die Fäuste in die Augenhöhlen und schaudere.“ (Erwin Gostner: 1000 Tage im KZ. Ein Erlebnisbericht aus den Konzentrationslagern Dachau, Mauthausen und Gusen, Innsbruck 1945, Nachdr. Innsbruck 1986, S. 39


Schubraum
„Der Zebra-Mensch mit der gelben Armbinde führte unsere kleine Gruppe in eine Art Halle, die mir im Halbdunkel, in dem verschwanden, einer großen zweckentfremdeten gedeckten Markthalle zu gleichen schien. Andere Zebramänner in tadelloser Aufmachung waren um uns herum, geschäftig bei den Formalitäten der Eintragung in das Gefängnisregister. Entkleiden, Haare schneiden, Cresolpinselei, Durchgang durch die Dusche: der erste Eindruck ist der einer unermeßlichen Entblößung.“ (Edmond Michelet: Die Freiheitsstraße. Dachau 1943-1945, [Rue de la Liberté, 1955; übers. Georg Graf Henkel von Donnersmarck], Stuttgart 1960, S. 62.


Bewachungsanlage
„Stacheldraht, mit Tod geladen
ist um unsere Welt gespannt.
Drauf ein Himmel ohne Gnaden
sendet Frost und Sonnenbrand.
Fern von uns sind alle Freuden,
fern die Heimat und die Fraun,
wenn wir stumm zur Arbeit schreiten,
Tausende im Morgengrauen.“
(Jura Soyfer: Dachau-Lied)


Krematorium
„[…]
Das Krematorium ist still und schweigt,
es speit nur die Asche aus,
die Asche, die man den Lieben zeigt,
die heim man schickt in ihr Haus. –
Ach, auch die Asche ist stumm und schweigt,
sie spricht keine Geheimnis mehr aus, –
doch der Leichenhalle Schweigen schreit:
„Die Toten von Dachau! – „
(aus Totenkammer von Kupfer-Koberwitz, Dachauer Tagebücher. Die Aufzeichnungen des Häftlings 24814, München 1997, S.552; Hervorhebung in der Quelle)

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