AXEL THIEME

Rede Trauerfeier Axel Thieme // Waldfriedhof Darmstadt, 19. Oktober 2021

Ein Mensch ist keine Flachware – wenn bei so ernstem Anlaß der saloppe Ausdruck erlaubt ist, mit dem im Ausstellungswesen gerne Werke der Malerei und Fotografie zusammengefaßt werden. Ein Mensch ist mindestens dreidimensional, hat viele Seiten, viele Aspekte. Er ist, jetzt mit einem Begriff aus der Bildhauerei, rundansichtig. Weswegen jeder hier in der Gemeinschaft, ob Familienangehöriger, Freund oder in irgendeiner Weise Kollege, seinen eigenen Zugang zu, seine eigene Perspektive auf Axel Thieme hatte. Sie werden es mir daher, liebe Trauergäste, nachsehen, wenn ich meine Erinnerungen an ihn nur aus meiner Warte darlegen kann, in der Hoffnung, daß sie doch irgendwie exemplarisch sind. Und daß jeder hier im Raum sich aufgefordert fühlen mag, sich auf seine eigene subjektive Warte zu besinnen, um Axel umso klarer im Gedächtnis zu behalten.

Als ich Axel kennenlernte, stand ich am Anfang meiner beruflichen Laufbahn, während er, wie man so sagt, schon „etwas darstellte“. Das Darmstädter Echo schickte mich ab 1985 in der Pfungstädter Straße in Eberstadt vorbei, um zu berichten über das, was es in einer Galerie zu sehen gab, die zwar noch „Parterre“ hieß, wo jedoch Axel aus dem Kreis der fünf Jahre davor gegründeten Produzentengalerie übrig geblieben war und dem Programm mehr und mehr seinen Stempel aufdrückte. Vergessen wir nicht: er war ja der, der irgendwann mal eine Banklehre gemacht hatte und dem man Soll-und-Haben-Rechnungen zutrauen durfte. Er war übriggeblieben mit der Konsequenz, daß der Galerist Thieme den Maler Thieme auf unabsehbare Zeit, womöglich für immer in den Winterschlaf schickte. Nun das für mich Besondere: Axel behandelte den Frischling, der ich war, mitnichten von oben herab, sondern nahm mich von vornherein ernst, nahm sich Zeit für Gespräche auf Augenhöhe, so daß ich einiges davon mitbekam, daß eine Ausstellung sich nicht von selber hängt und daß ein Galerieprogramm eine Sache ist, die geschmackliches wie konzeptuelles Gespür und harte strategische Planung erfordert. Ein paar Jahre lang verfaßte ich in seinem Auftrag sogar incognito Pressetexte für bevorstehende Ausstellungen. In dem Zusammenhang machten wir gelegentlich gemeinsam Atelierbesuche. Solche Fahrten, etwa nach Köln und Düsseldorf, boten Gelegenheit zum Meinungsaustausch auch jenseits der Kunst. Ich lernte einen Axel Thieme kennen, der politisch interessiert und wach und kritisch war – Eigenschaften, die vielleicht nicht vermuten würde, wer ihn nur als Macher von Ausstellungen kannte, die – wenn ich mal zwanzig Jahre Galerie an drei oder vier Locations im Zeitraffer betrachte – sich mehr mit der Eigensprache von Farben, Gesten, Formen und Materialien zu befassen schienen, mit ironisch gebrochener Pop-Kultur, dem Mikrokosmos von Pollen, Sporen und Bakterien oder, von mir aus, den unterschiedlichen Spiegelungen in einem Mostglas zu wechselnden Tages- und Nachtzeiten.

Speziell natürlich in allem, was zeitgenössische Kunst und Künstler betrifft, in dem also, was sein zentraler Beitrag zum Darmstädter Kulturleben war, zeigte sich Axel gut informiert und vernetzt. Unerläßliche Eigenschaften auch für den regelmäßigen Teilnehmer an Kunstmessen in Frankfurt, Köln, Zürich. Und darin verbirgt sich wiederum die Tatsache, daß er nicht nur Maler und Bildhauer vom Niederrhein, von Freiburg, München, Berlin, Basel, zuletzt London und überhaupt England nach Darmstadt holte, sondern in umgekehrter Richtung immer wieder Künstler der Region anderswohin zu exportieren probierte. Das ab 1986 auch offiziell zur Galerie Axel Thieme gemauserte Unternehmen war nicht nur für die engere Darmstädter Szene, sondern darüber hinaus eine Adresse, eine Institution. Und für unsere, von kurzen Ausnahme-Phasen mal abgesehen, eher provinziell verschlafenen Darmstädter Verhältnisse war Axel Thieme fast so was wie Jetset. Da verwundert es kaum zu hören, daß er, aus seiner ersten Ehe mit Ute Vater des Sohnes Mirko, seinen zweiten Ehebund, den mit Brigitte, wie ich erst kürzlich erfahren habe, in Las Vegas schloß. Der strategische Planer war auch schon mal zu spontanen Entschlüssen fähig.

Ich nutze diese Information für einen chronologischen Sprung. Wir befinden uns nämlich jetzt bereits anno 1998. Daß der Galerie gerade noch ein weiteres Jahrfünft beschieden war, ahnte damals niemand, Axel vermutlich eingeschlossen. Es sei denn, wir betreiben Tiefenpsychologie, glauben daran, daß das Unterbewußtsein dem Bewußtsein immer einige Längen voraus ist. Ich erinnere mich nämlich jedenfalls noch gut daran, wie ich eines Tages über die Schwelle der Galerie – sie befand sich damals schon im Donnersbergring – trat und mit den Exponaten – Bilder, sagen wir, von Ralph Fleck oder Wandobjekte von Otmar Hörl – kurz allein war. Bis Axel aus einem Nebenraum herbeieilte, in der Hand einen Lappen, mit dem er sich Farbreste von den Fingern wischte. Ach, der Maler im Galeristen ist also doch nicht ganz abgestorben, dachte ich; dieser gewährt jenem wieder etwas Freiraum, sich zaghaft zu entfalten.

Ich kann es gar nicht oft genug wiederholen: ich bin fest davon überzeugt, es war die Malerei, was Axel während der Folgezeit, als seine Galerie in so ernsthafte finanzielle Turbulenzen geriet, daß sich auch kein potenter Sponsor mehr fand, um das Unternehmen zu retten, – was was ihn vorm Verzweifeln bewahrte; es war die Malerei, mit deren Hilfe er sich in den ersten Jahren nach dem Konkurs, als er fürs Darmstädter Kunstpublikum ganz abgetaucht, verschollen wirkte, wie weiland Münchhausen sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf der – bestimmt so von ihm empfundenen – Blamage und der Niedergeschlagenheit zog. Immer flankiert natürlich von Brigitte. Wenn ich ihn irgendwann danach, sei’s in der Wohnung des Ehepaars Thieme in der Grafenstraße, sei’s im Atelier in der Gervinussstraße, besuchte, dann war die Galerie bereits kein großes Thema mehr. Wir sprachen über den jeweils jüngsten Schwung Bilder, den er produziert hatte, über die rasche motivische Entwicklung von den rätselhaften Stachelbällchen über die Dahliensträuße und die anbrandenden Meereswogen bis zu den „Submarinen Gärten“, und ich fand, daß er zu Recht stolz auf die eigene Leistung sein konnte. Thematisch sehr diverse Serien. Und doch unterschwellig verbunden durch die ausgesprochen feinmalerische Aufmerksamkeit für Strukturen, den Detailrealismus selbst bei ganz irrealen Szenerien.

Noch etwas brachte uns freundschaftlich näher. Schon bei meinen Besuchen an der Eberstädter Adresse fiel mir auf, daß da im Hintergrund Jazz lief, aber auch viel richtig guter Pop aus den 60er, 70er, 80 Jahren. Später, als Axel wieder zu seiner Maler-Identität zurückgefunden hatte, hörte er bei der Arbeit weiter seine alten Platten, dazu, weil’s ihn in die nötige ausgeglichen-meditative Stimmung brachte, Ambient und Lounge Music. In unseren Gesprächen entdeckten wir viele musikalische Gemeinsamkeiten – eine Vorliebe für Psychedelic Sound aus unterschiedlichen Ländern und Epochen, allen voran die hierzulande sträflich unbekannte australische Gruppe „The Church“ mit ihren filigranen Gitarren-Soundscapes, über die Axel einen richtiggehenden Info-Ordner mit Presseartikeln, Rezensionen, Interviews akkumuliert hat – und als deren einziger Darmstädter Fan ich jetzt wohl übriggeblieben bin. Was ich auf diesem Feld ungemein an Axel schätze, ist daß er sich nicht mit dem Abnudeln der immergleichen Oldies zufrieden gab, sondern sich bis zum Schluß die Neugier bewahrte für Neues, Frisches, Aktuelles, Ungewöhnliches. Er legte mir seinen Progrock-Dauerbrenner „Hawkwind“ ans Herz, ich ihm im Gegenzug „The Bevis Frond“. Doch von meiner jüngsten Entdeckung, dem britischen Dark-Folk-Duo „Eyeless in Gaza“, kann ich ihm nun nicht mehr vorschwärmen.

Ich sagte es bereits: die Treffen der letzten Jahre fanden in Axels und Brigittes Wohnzimmer statt. Nicht nur, weil die Hifi-Anlage da stets bei der Hand war und die riesige CD-Sammlung gleich nebenan. Nein, auch Axels langsam, doch stetig fortschreitende Lungen-Insuffizienz hatte zur Folge, daß er immer seltener das Haus verlassen konnte. Keine Rede mehr vom Gervinusstraßen-Atelier, im Winter ein kaltes Kabuff, von den Ausdünstungen der Ölfarben und ihrer Wirkung auf die Atemwege ganz zu schweigen. Farbe und Pinsel hat er zuletzt per Postpaket an eine Kollegin in einer anderen Stadt schicken lassen. Es hat mich immerhin gefreut, als Brigitte mir berichtete, daß der Hausbesuch der Yoga-Lehrerin ihm zwischendurch physisch und psychisch ein bißchen Auftrieb geben konnte. Muß ich’s sagen? Das Ende hat sich lange angebahnt und kam dann doch sehr schnell.

Die Trauerkarte, mit der Brigitte, Mirko und der Rest der Familie Axels Tod bekannt machten, trägt als Motto die Mahatma Gandhi-Weisheit: „Wer einen Fluß überquert, muß die eine Seite verlassen.“ Wenn ich mir vorstellen soll, was sich auf der anderen Seite des Flusses befindet, sehe ich nach wie vor Axel vor mir. Da ist ein altes Fährhaus, mit einem Empfangsraum so groß, daß man die Wände gar nicht ausmachen kann. Musik schlägt dem Ankommenden entgegen. Und die rührt daher, daß Brian Jones und Jimi Hendrix, John Coltrane und Miles Davis, Janis Joplin und Jim Morrison und Lou Reed und Nico Paeffgen, Otis Redding und Aretha Franklin, Curt Cobain und Amy Winehouse und David Bowie und Prince, Vater Tim und Sohn Jeff Buckley, George Harrison und Ginger Baker und Peter Green und neuerdings auch Charlie Watts sich da zu einer permanenten Around-the-Clock-Jamsession zusammengefunden haben. Sie spielen für einen sie umlagernden Kreis begeistert mitklatschender, mitstampfender, mitsingender Baby-Boomer, der ständig größer wird und wo doch noch zusammengerückt werden kann, damit ein Platz für Axel frei wird. Den Eintritt hat er schon im voraus bezahlt.

© Dr. Roland Held, Darmstadt 2021

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