IN DEN PFÜTZEN DER EROSION // Finissage: Ausstellung Rainer Lind // 20. Dezember 2025 // 17 Uhr // Gespräch 19 Uhr

Auf sieben 50 Zoll Monitoren und Beamer Projektion sind Videoskizzen zu sehen, die zwischen 2000 und 2025 aufgezeichnet und editiert wurden. Die kurzen Sequenzen versammeln flüchtige Bildideen, Landschaften, Drohnenaufnahmen, Porträts und Sounds – Fragmente und visuelle auch persönliche Notizen. erkunden somit mögliche Übergänge, Verflechtungen, Einflüsse, Annäherungen und Berührungen zwischen den Gattungen.

Publikumsgespräch mit Lars und Rainer um 19:00 / ATELIERHAUS DARMSTADT, Riedeselstraße 15, 64283 Darmstadt




Erscheinungen im sensorischen Gewitter
Zu Rainer Linds Projekt „as lost as saved“
Von Roland Held

Das Ganze gleicht dem Aufbau eines atomphysikalischen Versuchs, bei dem zentripetal, sprich: von allen Seiten Impulse auf ein in der Mitte befindliches Objekt geschossen werden, um in ihm tiefgreifende Veränderungen zu bewirken. Freilich steht als Objekt zunächst niemand anders da als der Besucher, der den Mut hat, Rainer Linds kryptisch betiteltes, environmentales, ihn multisensorisch in Beschlag nehmendes Projekt „as lost as saved“ zu betreten. Trägt es zur Klärung bei, das, was als „das Ganze“ firmiert, herunterzubrechen in seine Bestandteile?
Die Hardware: sechs aufgebockte 50-Zoll-Monitore und ebensoviele Lautsprecher-Boxen, eine bodennahe Beamer-Projektion, und zwischen alldem hin- und herlaufend jede Meterlänge Kabel; schließlich, knapp auf Augenhöhe an den Wänden eine Serie Bilder, irgendwo auf halbem Wege zwischen Zeichnung und Malerei, zwischen tastender, mehrfach ihr Ziel umkreisender Figurfindung, automatisch-abstrakter Gestik und ruppiger Materialität. Eigentlich sind besagte Bilder schon Teil dessen, was man hier die „Software“ nennen könnte. Nicht nur nämlich kehren auf bestimmten Monitoren vergrößerte Ausschnitte des Gemalt-Gezeichneten wieder; auf anderen darf man den Urheber, niemand sonst als Rainer Lind, bei konzentriert-ruhigen Arbeitsgängen über die Schulter schauen. Konträr zur fahlen, zwischen Honiggelb, Schellackbraun und Rußschwarz fließenden Farbigkeit dann die ganz auf Schwarzweiß reduzierten Impressionen auf anderen Monitoren – Landschaftliches, auch vom Menschen gestaltet, erfasst im seitlich streifenden Überflug oder von oben sich nähernden Zoom, verdorrte Sonnenblumenfelder, schneeverwehte Ackerfurchen, in den Schlamm eingegrabene Reifenspuren, ein Stand skelettierter Fichten mit einem kreisenden Windrad im Hintergrund. Schließlich, auf einem Monitoren-Trio, als überdimensionierte Köpfe, abwechselnd frontal und im Profil, Video-Porträts von Zeitgenossen, divers bezüglich Alter, Geschlecht, Hautfarbe, Subkultur, buchstäblich „Stills“, da sie außer einem leichten Nicken, einem unwillkürlichen Augenblinzeln oder Lächeln nichts von sich preisgeben.
Wer Rainer Linds Schaffen über die Jahre verfolgt hat, weiß natürlich, womit er „beschossen“ wird. Auf den Porträts erkennt er Personen wieder, mit denen der Künstler ausgiebige Interviews führte, insgesamt das, was jemand einmal ein „Gesellschaftspanorama“ genannt hat. Als je dreiminütige, wortlose Stills eine Aufforderung, physiognomisch einzutauchen in unterschiedlich tief eingeprägte Lebensspuren. Teilnehmend wiederum an den Drohnenflügen über mehr oder weniger naturnahes Terrain ahnt er, dass motivgebend hier Aspekte jener Gegend des hessischen Vogelsbergs sind, wo der Künstler seine Hauptadresse hat. Und er wäre ziemlich blind, würden ihm nicht die visuellen Entsprechungen auffallen zwischen den Strukturen, Rhythmen, Kontrasten der Landschaft und denen, die Zeichnung und Malerei bestimmen: Beiden gemeinsam ist, dass da nichts beschönigt wird, das Rissige nicht geglättet, das Bröckelnde nicht zuzementiert, das Abgründige nicht überschminkt. Wohl aus derselben Geisteshaltung hat Lind die Finissage seines im Dezember 2025 über zwei Wochen im Schauraum des Atelierhauses Darmstadt laufenden Projekts angekündigt als „In den Pfützen der Erosion“.

ROLAND HELD / FOTO: RAINER LIND

Doch statt von tröpfelnden, plätschernden Tönen wird der ringsher auf den Besucher andrängende Soundtrack dominiert von nachhaltig Dröhnendem, Schleifendem, Hallendem. Die Klang-Bild-Projektion eines halbdunklen Korridors, darin Schritte schlurfen und Türen quietschen, beschwört nicht den Grusel des Gehäuses aus einem fiktiven „found-footage-Film“ wie „Blair Witch Project“ herauf, sondern fängt die Realgeräusche eines Zellentrakts in der Gedenkstätte KZ Dachau ein anlässlich des Besuchs mit einer Schulklasse. Ahja, neben Rainer Lind dem Maler und Rainer Lind dem Zeitchronisten gibt es noch Rainer Lind den politisch engagierten Lehrer… Passend dazu der Orginalton eines per Ausschnitt eingespielten Interviews mit dem Malerkollegen Berhard Weiss. Der sich, bereits hochbetagt und dem Tode nah, an Szenen seiner Kindheit während der Nazi-Zeit erinnert und nochmals emotional überwältigt wird. Als weiterer Lind-Freund und -Porträtierter kommt der Musiker und Komponist Norbert Grossmann zum Zuge, dessen Hände einer Orgel-Tastatur lang angehaltene Akkorde entlocken, sozusagen ein Generalbass, der der heterogenen Klangcollage des Projekts immer wieder einen Sockel sonorer Ruhe unterschiebt.
Nein, nicht berieselt wird der Besucher des Schauraums; die akustisch-optischen Partikel prasseln förmlich auf seine Augen und Ohren ein. Doch steht er wirklich, ein Versuchskaninchen im Sinnesgewitter dieses Kunst-Labors, alleine da? Tritt er für einen Moment zur Seite, erkennt er, dass, wie ein sich allmählich aus dem Nichts formierendes Hologramm, Reiner Lind selber erscheint. Erscheint in der Überschneidungszone all der auf ersten Blick so unterschiedlichen, gleichwohl parallel von ihm betriebenen kreativen Aktivitäten. Zwar ist dieser Besucher davon überzeugt, dass im Kern von Linds eigener Künstler-Persona nach wie vor seine spezifische Kreuzung von Zeichnung und Malerei steht, unverwechselbar in der gegenseitigen Durchdringung von Grob- und Feinstofflichem. Doch die den Bild-Resultaten entsteigenden Wesen einer Zwischenwelt empfehlen sich als die idealen Wegweiser hinein in die „möglichen Übergänge, Verflechtungen, Einflüsse, Annäherungen und Berührungen zwischen den Gattungen“, mit denen Reiner Lind selber die Intention seines „as lost as saved“-Projekts umschreibt.
 
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