Heinz Lüdde ist nach 56 Jahren wieder nach Darmstadt gekommen, auch an die Georg-Büchner-Schule, die damals für kurze Zeit ,seine‘ Schule gewesen war. Anlass war, dass Frank Schuster, Autor sowie Redakteur beim Darmstädter Echo, ein Buch zum Thema geschrieben hat mit dem Titel: Büchner Sixty-Nine, in dem die damaligen Ereignisse auf Grundlage von Quellen dargestellt und romanhaft verarbeitet werden.
APO-Lehrer Lüdde wurde im Sommer 1969 aus dem Darmstädter Gymnasium entlassen. Mit seinem modernen Unterricht, zu dem die Lektüre von Storys zählte, die den Holocaust thematisieren, geriet er ins Visier des damaligen Schulleiters, eines früheren SA-Mitglieds. Der Rausschmiss des Lehrers zog in der Folge mehrwöchige Schülerproteste nach sich, die in einer Erstürmung der Büchnerpreisverleihung mündeten.
Das hat man heute auch vergessen: 1969 fuhren ja noch die Autos über den Platz drüber, da gab es den Tunnel noch nicht. Und wir haben uns einfach auf den Platz gesetzt, haben keinen Verkehr mehr durchgelassen. Das war zum Beispiel eine Aktion, und ich fand es erstaunlich, wie viel Solidarität es gab. Auch von den Gewerkschaften – die haben sich auch angeschlossen, die GEW, aber auch andere Gewerkschaften.
Aus meinen Recherchen heraus würde ich sagen, es war praktisch so ein Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat. Es lag in der Luft, klar. Ich meine, es sind die wilden Achtundsechziger gewesen. Es wurde ja ständig protestiert, aber an dem Fall Heinz Lüdde hat sich praktisch so ein Generationswechsel herauskristallisiert. Heinz Lüdde hat einen sehr modernen Unterricht gemacht.“
Die Mikrofone wurden abgestellt. Sie wollten eigentlich nur ein kurzes Statement abgeben. So war es auch vereinbart gewesen, aber aus irgendwelchen Gründen hatte dann die Akademie für Sprache und Dichtung etwas dagegen. Sie haben die Mikrofone abgestellt und die Polizei gerufen. Die Polizei stand ohnehin schon draußen, hatte das ein bisschen abgeschirmt, und hat die Schüler dann hinausbegleitet.
Wenn man sich das heute als Video anschaut – man kann das auf der Seite der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung immer noch sehen –, ist zu erkennen, dass alles relativ friedlich verlaufen ist. Interessanterweise hatte das aber eine relativ solide Solidarität, zumindest bei den überregionalen Medien, gefunden. Die ZEIT hat darüber berichtet, ebenso andere überregionale Zeitungen und Zeitschriften, und die fanden es eigentlich unverschämt, dass man die Schüler nicht einfach kurz zu Wort kommen ließ.
Die hatten vorher auch gesagt, dass sie keine lange Rede halten würden. Es ging ihnen letztendlich nur darum, vor laufender Kamera darauf aufmerksam zu machen, dass sie es nicht in Ordnung fanden, dass ihr Lehrer von der Schule geflogen ist.“
