Deutschland soll kriegstüchtig werden. Und was macht die Bundeswehr? Sie rekrutiert mithilfe von Blockbuster-Ästhetik, Bildwelten der Gaming-Industrie und Armee-Influencern: Die Zeitenwende wird als Lifestyle-Event mit Adventure-Feeling inszeniert. Daniel Hornuff nimmt Anstoß an der jüngsten Medienoffensive der Bundeswehr. Daniel Hornuff entfaltet ein politisches Plädoyer und fordert ein gesetzliches Werbeverbot für die Bundeswehr. Denn die Art und Weise, wie sich das Militär in einer Demokratie präsentiert, ist mit grundlegenden Fragen verknüpft: Was wird als Sicherheitspolitik verstanden? Welche Vorstellungen von Verteidigung und Wehrhaftigkeit zirkulieren? Und was bedeuten uns die Interessen junger Menschen?
Daniel Hornuff wurde Ende 2025 zu den 58. Römerberggesprächen in Frankfurt am Main mit einem Vortrag über „Medienmanöver. Die Bundeswehr und ihre Bilder“ eingeladen. Im Nachgang entstand sein Buch „Krieg als Lifestyle? Ein Plädoyer gegen die Medienoffensive der Bundeswehr.“
Historisch gibt es einiges, und es gab auch journalistische Beiträge. Aber es gab nie den Versuch, das einmal konzentriert aufzuarbeiten und mit Blick auf die Gegenwart zu präsentieren.
Es war, glaube ich, insgesamt eine Veranstaltung, bei der man sich weitgehend einig war, dass man in Deutschland keine weitere Militarisierung möchte und eine militär- und bundeswehrskeptische Haltung einnimmt. Das war der Common Sense der Veranstaltung und auch des Publikums. Insofern wurde der Vortrag eigentlich ganz gut aufgenommen. Ich hatte den Eindruck, dass die Thesen, die ich dort präsentiert habe, Anklang fanden.
Es gibt einen wesentlichen Unterschied zwischen den Ausführungen und Thesen des Vortrags und der Forderung des Buches. Im Vortrag selbst fordere ich noch kein gesetzliches Werbeverbot für die Bundeswehr. Das hat sich erst im Nachgang ergeben, insbesondere durch die Diskussion im Anschluss an den Vortrag. Da wurde mir noch einmal deutlich: Es genügt eigentlich nicht, die Werbung und die Kampagnen zu kritisieren. Vielmehr zeigen sich darin grundlegendere Problematiken. Deswegen habe ich versucht, in dem Buch die Forderung auszuarbeiten, dass ein gesetzliches Werbeverbot für das Militär in einer Demokratie angezeigt ist.
Im Grunde kann man sagen: Es war eine Art Forschungsprojekt im Nachgang zum Vortrag.“
Da stand also „Gas, Wasser, Schießen“, in Anlehnung an einen bekannten Spruch unter Handwerkern. Mit diesem Plakat wollte man auch Handwerker für den zivilen Bereich der Bundeswehr rekrutieren. Ich dachte zunächst, das sei gar kein Plakat der Bundeswehr, sondern vielmehr ein Kritikplakat gegen die Bundeswehr. Man wollte sozusagen die Bundeswehr mit dieser Kampagne lächerlich machen oder auf den fehlgeleiteten Anspruch aufmerksam machen, der in solchen Kampagnen zum Ausdruck kommt.
Aber es war dann doch ein Plakat der Bundeswehr. Und je länger man darüber nachdenkt, desto irrer wird dieser Spruch eigentlich. Nicht nur, weil er kalauerhaft daherkommt, sondern auch, weil er Schießen und Gas im Kontext der Bundeswehr miteinander verbindet. Dabei hat die Bundeswehr nach ihrer Gründung Mitte der 1950er-Jahre alles dafür getan, sich von den Schrecken der Wehrmacht abzugrenzen. Auch in ihrem öffentlichen Auftritt hat sie alles darangesetzt, sich als eine ganz harmlose Armee mit starken Bündnisverpflichtungen zu präsentieren.“
Dass die Bundeswehr jugendaffin und popkulturell werden muss, hat durchaus auch mit der Schwäche ihres öffentlichen Auftretens zu tun. Wenn man beispielsweise an den Großen Zapfenstreich oder an öffentliche Gelöbnisse denkt, hat man, wenn man nicht näher informiert ist und nur kurz hinschaut, das Gefühl, die Wehrmacht marschiere durch Berlin: Stahlhelme, Fackeln in der Dunkelheit, irgendwelche Trommeln und sonstige Kapellen, die dabei auftreten. Das ist eine geradezu bedrückende Ästhetik, die uns an die dunkelsten Zeiten unserer Vergangenheit erinnert.
Historisch ist das so nicht korrekt. Diese Form des Auftritts resultiert aus anderen Kontexten und ist eben gerade keine nationalsozialistische Ikonografie oder Choreografie. Auf einer ästhetischen Oberfläche erinnert die Bildsprache jedoch frappierend daran. Dagegen muss das Militär natürlich angehen – und umso mehr in diese popkulturelle Bildsprache und in den popkulturellen Sound investieren.“
DANIEL HORNUFF: „Dieser Slogan „Blindes Vertrauen“ ist auch historisch in der Kampagnengeschichte der Bundeswehr verwurzelt. Es gab eine Phase, in der die Bundeswehr alles dafür getan hat, möglichst nicht sichtbar zu sein und nur hier und da kleine Signale zu setzen: mal in einer Anzeigenkampagne, mal auf einem Plakat, mal bei einem öffentlichen Auftritt eines Militärs. Damit sollte signalisiert werden: Wir sind da, aber ihr bekommt nichts von uns mit. Wir sind für euch da, ihr müsst euch um nichts kümmern.
Vertraut uns blind. Und das ist etwas, das sich bis in aktuelle Kampagnen hineinzieht. Ihr könnt uns blind vertrauen. Das ist wiederum natürlich eine hochgradig anmaßende Aussage des Militärs. Denn man darf ja nicht vergessen: Unser System ist in Deutschland so verfasst, dass es eben gerade kein blindes Vertrauen gegenüber dem Militär geben darf. Die Bundeswehr ist eine Parlamentsarmee, sie steht unter ziviler Kontrolle.
Das ist die Idee der Parlamentsarmee. Das geht sogar so weit, dass die Person, die das Amt des Verteidigungsministers oder der Verteidigungsministerin übernimmt, keine Soldatin und kein Soldat sein darf. Auch das ist im Grundgesetz hinterlegt. Wir haben also die Idee einer umfassenden zivilen Kontrolle des Militärs in der Demokratie. Das ist das Gegenteil von blindem Vertrauen: eine zivile Kontrolle des Militärs als sozusagen systemimmanentem Störfaktor.“

Hier das vollständige Interview als Podcast / 45 Minuten
