»In den Pfützen der Erosion« VON SIBYLLE MAXHEIMER / FRIZZ MAGAZIN

In den Zeichnungen von Rainer Lind, die derzeit neben Videoaufnahmen in der 300 Quadratmeter großen Ausstellungshalle der Galerie Epes zu betrachten sind, findet der Besucher nicht gleich eindeutige Antworten. Zu den Bildmotiven gehören größtenteils blass- bis goldgelbe Farbverläufe, Schlieren, Verfransungen von Farbgrundmaterialien wie Leinölfirnis, Schellack oder Eisenoxid.

Man entdeckt auch kleine Figuren, Tiere, Sonne oder Mond, Spiralen, Linien sowie perspektivische Skizzen. Die Bilder sind zu einem Block zusammengefügt, und beeindrucken in dieser geballten Komposition stark. Das ungewöhnliche Rüstzeug, zu dem noch Champagnerkreide und Perleim zählt, stammt »von der Restaurierung«, sagt Lind.
Es seien »Materialien« mit besonderen Eigenschaften, ja, mit einem »Eigenleben«. Für Rainer Lind haben sie etwas von »Innereien«, seien »organisch« – ein Fundus, so Lind, und zugleich ein Reservoir. »Auch haptisch eine breite Palette.« Die Zeichnungen stellten »Dystopien« dar, und der Titel »In den Pfützen der Erosion« würden diese am eindringlichsten umschreiben.







»Zeichen setzen durch Be-zeichnen«, schrieb die Kunsthistorikerin Dr. Elisabeth Krimmel zu Linds Schaffen, und: »Zeichnen im Sinne von zeichenhaftem Festhalten von Formen und Gestalten in Linie und Fläche ist eine sehr ursprüngliche Betätigung des Menschen. Sie ist für ihn von lebensnotwendiger Bedeutung. Ein Blick zurück in die frühe Geschichte der Menschheitskultur erweist das ebenso wie die Betrachtung menschlicher Entwicklung im Kindesalter. Handzeichnungen wie sie unserer heutigen Vorstellung entsprechen, haben ihre Ausprägung im Mittelalter erfahren, ihre Stilisierung geschah in der Neuzeit.« Was damit genau gemeint sei, so Dr. Krimmel, präzisierte der Maler Max Liebermann um die Jahrhundertwende: »Man hat oft gesagt, daß die Zeichnung uns in die Werkstatt des Künstlers führe, aber sie führt uns weiter bis ins Innerste seiner Persönlichkeit.«

Die Ausstellung mit den vielen Arbeiten zeigt ein umfängliches Bild des Schaffens von Rainer Lind: Damit eröffnet sie dem Besucher einen tieferen wie ganzheitlichen Einblick in dessen Werk. Videoaufnahmen, die Linds Zeichnungen dokumentarisch wie auch durch vergrößerte Detailansichten neu erfahrbar machen, runden die Schau ab.

Rainer Lind, der sich nie nur aufs Malen verstand, lehrte als Seiteneinsteiger rund vierzig Jahre Kunst an der Darmstädter Bert-Brecht-Schule und ist seit 2001 auch Dozent für Multimedia und Webanwendungen am Fachbereich Mathematik und Informatik der Philipps-Universität Marburg. Jetzt übernimmt er zusätzlich einen Lehrauftrag am Institut für Medienwissenschaft der Philipps-Universität Marburg im Bereich »Interviews / Videoformate«.

Videodokumentationen seiner Zeichnungen verweisen auf feine, zarte wie auch grobe Liniengeflechte: Vergrößerte Ausschnitte lösen einzelne Teilstücke, Fetzen und Notizen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang und machen so die Grammatik seiner Bildsprache sichtbar. Es geht beim Betrachten also mehr um eine Reise von Augen, Geist, Empfindungen, als erstrangig ums Verstehen und Begreifen. Betrachter können sehen, eigenes von sich miteinbringen.

Auf einigen Monitoren zeigt er zusätzlich mit der Drohne gefilmte Landschaftsaufnahmen, die mit den Zeichnungen konform gehen: Plötzlich entdeckt man Parallelen – etwa mit dem ausgedorrten Sonnenblumenfeld und seinen tiefschwarzen Grafitzeichnungen. Rainer Lind, der 1954 in Darmstadt geboren wurde, Grafikdesign an der Mathildenhöhe studierte, beschäftigt sich in seinem Werk mit »Vergänglichkeitszeichen«, – als handele es sich um »Überbleibsel, Erosionen, um Landschaft als Lebensraum« des eigenen Lebens wie auch das Vergangene, Visionäre. Das, was ihn interessiere, gesteht er ein, sei »eine Suche und Halt«.

Obwohl er anfänglich nichts als Musiker werden wollte: Als Sechszehnjähriger spielte er auf einer »Gibson SG Standard« und sah in einer Nachrichtensendung, wie man den Free Jazzer Peter Brötzmann bei einer Vietnamdemonstration als Beispiel für die Verrohung von Demonstranten mit seinem Saxofonspiel denunzierte. Dieses Bild trage er immer noch in sich und mit sich herum.

Viele Jahre später stand er dann selbst mit dem renommierten Brötzmann auf der Bühne, und mit dem folgenden Zitat schließe sich ein Kreis. In der Klangturbine – Brötzmann und Lind zu Gast in der Brotfabrik Frankfurt: »Dergestalt in die Klangturbine versetzt, beruhigten nur die Blickwinkel zwischen den Musikern: Hier wurde der gellende Klangexzess, die brodelnde Klangmaterie von mit größtem Bedacht vorgehenden Köchen angerührt.«
(Frankfurter Rundschau)

In ähnlicher Weise ist wohl auch seine Kunst, die verschlüsselten »Selbstbildnis« -Zeichnungen, zu verstehen, in denen er selbst im Auslaufen, Verfransen und Trocknen der Oxide oder Firnisse inspirierende Formen und Verläufe entdeckt. Diese »kontrolliert« und verfestigt er, setzt rußig-fette Hiebe mit Kohle. Das Ganze bündelt und kreuzt sich – dann sind da wieder feinere Spuren des Bleistifts. Die Materialien streben auseinander, mal fließend, mal stockend, oft abrupt, aggressiv, anarchisch, oder wieder anhaltend, verweilend, ruhend.




Die Ausstellung wird am 5. November, um 19 Uhr, in der
Galerie Epes an der Mainzer Straße 79 eröffnet und geht
bis (19.), zur Finissage gibt es um 19 Uhr ein Interview. Am
Donnerstag (12.), 19 Uhr, wird Rainer Lind Ausschnitte aus
einigen Videointerviews zeigen und kommentieren.

Öffnungszeiten: Mittwoch bis Freitag 14 bis 18 Uhr, samstags
12 bis 15 Uhr sowie nach telefonischer Vereinbarung unter
0 173 / 320 3427.
www.galerie-epes.de
www rainer-lind.de

>>> Hier der Text zum runterladen / PDF

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