Dr. Christian Vielhaber über Rainer Lind

Wie läßt sich das benennen, was der Darmstädter Künstler Rainer Lind macht? Die Arbeiten als Malerei im klassischen Sinn zu bezeichnen, wäre ebenso unzutreffend, wie sie eindeutig unter dem Oberbegriff Zeichnung zu rubrizieren. Mit der Malerei verbinden ihn der Gestaltungswille durch die Farbe und ihren Stimmungswert, die Textur vieler seiner Bilder und die Betonung von Fläche. Ihr linearer Duktus, das zuweilen Skripturale, das Entschiedene des Strichs und zugleich oft daneben der Eindruck der Unentschiedenheit in der Linienführung (vielleicht aus Angst vor einer klaren abbildhaften Gestaltwerdung beim Mal- oder eben Zeichnungsprozeß?), die Verinselung von einzelnen Zeichen oder erzählerischen Elementen im Bildganzen, das Raumbildende durch Liniengespinste, Akkumulationen und die Plastizität durch Binnenzeichnung auf der Fläche weisen ihn wiederum als Zeichner aus.

Vielleicht ließe sich sein Schaffen am ehesten in aller Einfachheit so beschreiben: Er stellt Bilder her! Und dies seit gut zehn Jahren und mit wachsendem Erfolg. Auch mit wachsender Reife? Richtig ist, daß beim chronologischen Fortlesen seiner Bilder, die selbst auch als Fortschreiben verstanden werden dürfen, Veränderungen sichtbar werden. Nicht an seinen Mitteln, sich auszudrücken, oder besser: seiner Art, sich verständlich zu machen. Auch seine Haltung als Künstler und als Mensch ist gleichgeblieben. Er ist noch immer dieser erratische Block, der sich nicht in der Kunstlandschaft, sondern in der Welt, und das ist der Mikrokosmos seiner Welt, langsam bewegt.

 


All das, was er dort sieht, was ihm auffällt, was er spürt, fühlt und denkt, und ich sage bewußt denkt im Sinne eines Nachdenkens über die Welt, ohne jedoch damit einen intellektuellen Anspruch zu meinen (eher schon einen philosophischen, sieht man mit Kant das Denken als „das Reden mit sich selbst“ und die „Erkenntnis durch Begriffe“), und er notiert das auf die ihm eigene Weise. Es sind seine „Lebensdetails“, die er mitteilt, Zeichen einer existentiellen Selbst- und Seinserfahrung. Als Psychogramm sind sie allerdings wertlos. Im Zusammenhang seiner Bilder wurde einmal von „psychischen Seismogrammen“ gesprochen. So weit würde ich nicht gehen, weil Lind so viel mitteilt, das von allgemeinem Interesse ist.

Eher verstehe ich dieses Sicheinbringen so, wie Jochen Gerz das ausgedrückt hat: „In den Bildern sind wir nicht ganz gleich, was es für Bilder sind. Aber wir stellen sie her, und wenn wir sie machen, sind wir ihnen ähnlich. Ähnlicher als uns selbst, will uns scheinen.“

Diese Ähnlichkeit ist die Konstante in Linds Werk. Geblieben ist die zeichenhafte Notation. Es gibt immer noch wie in den frühesten „Kraft-Trans“-Bildern diese mit Leinöl getränkten Blätter, auf denen der fette Kohlestift oder der Bleistift seine tiefschwarzen Spuren hinterläßt. Und es gibt auch noch die Farbflecken, skripturalen Einsprengsel und anthropomorphen wie zoomorphen Chiffren.

Das zuweilen gespensthafte Wuchern von Linien und eruptiven Entladungen aus dem Bildkern erscheint nur noch selten und wesentlich reduzierter. Die eigentümliche Mischform aus informeller Geste und gleichzeitiger Struktur sind einer zunehmend freieren Bildordnung gewichen. Sie ist zwar immer noch in sich strukturiert und spannungsvoll geladen, aber diese Spannung wirkt aus meiner Sicht jedenfalls eher durch die einzelnen Akzente im kosmisch anmutenden Bildgefüge als durch die Struktur der Linien und ihre Formationen.

Mit „Kraft-Trans“ bezeichnete Rainer Lind stets die einzelnen Blätter, die durch dieses konsequente Beibehalten des Titels weniger einen seriellen, sondern einen prozeßhaften Charakter bekamen. Und mit prozeßhaft im Sinne eines Hervorbringens und Anbringens von Zeichen kann denn auch die besondere ästhetische Qualität seiner Zeichnung, auch der neuesten, beschrieben werden.

Auch heute transformiert er seine kleinen „Lebensdetails“ aus der Erscheinungsweise ihrer sichtbaren Wirklichkeit in eine zweite Wirklichkeit, nämlich die des Bildes. Nur geschieht dies weniger verschlüsselt, verrätselt und weniger abstrahiert. Da sind z. B. Tiere zu erkennen, nicht nur durch die Kontur als solche identifizierbar, sondern durch feine Binnenzeichnungen sogar höchst plastisch hervortretend.

Dazu darf man wissen, daß Lind nicht allein der Kunst sein Leben „geweiht“ hat. Er ist auch Jazzmusiker mit Leib und Seele, was ohne Zweifel auch die Rhythmisierung seiner Bildwelten beeinflußt, und er lebt fern der Zivilisation, hautnah mit seinen Schafen und Pferden. Er findet anschauliche Kürzel für die Natur, und auch für die Dingwelt wie z. B. Schiffe ist plötzlich Platz in Linds Bildwelten. Mehr als den Tieren kommt ihnen jedoch Symbolcharakter zu.

Die Kraft aus dem Begriff „Kraft-Trans“ stand früher eher für Kraftfelder und Entladungen und hatte somit einen stärker aggressiven Wert. In den jüngsten Bildern ist mehr von einer wärmenden Kraft des Sonnenballs oder der kühlen, aber – auch im Bildgeschehen – wirksamen Präsenz des Mondes zu spüren.

Ich spreche in diesem Zusammenhang von Bildgeschehen, denn auch das ist zu beachten: Seine Bilder sind sowohl in sich als auch zum Rezipienten als Partner dialogischer, erzählerischer und was seinen Lebensentwurf betrifft, anekdotischer aufgebaut. Die einzelnen Bildelemente bedürfen aufgrund ihrer Verinselung, Versprengung oder Vereinzelung auf dem Blatt viel stärker einander als das früher in der dichten Anlage des Bildgefüges nötig gewesen wäre.

Auch das Leinöl saugt sich nicht mehr all-over in das Papier, sondern markiert Brennpunkte des Geschehens oder steht für einen konkreten Ausschnitt aus dem übergreifend allgemeinen Lebensraum. Die Allgemeinheit, die in der sachlichen Notation zum Ausdruck kommt, ist dem Künstler wichtig.

 

Aber da ist noch etwas Wichtiges. Der Stimmungswert, wie z. B. bei dem sich ausbreitenden Gelb der Sonne, das wie eine Art Folie unter die eigentliche Zeichnung gelegt scheint. Aber wie die Zeichnung selbst heute malerischer ist, benutzt Lind auch das Leinöl malerisch wie eine Farbe. Nicht daß seine Bildräume weniger entgrenzt wären, aber das Weiterdenken über die Ränder des Bildträgers wird aufgehalten, und immer wird auf die präzisen Orte des Geschehens zurückverwiesen. Dies nicht zuletzt auch durch die Farbe. Das blutig warme Rot ist nicht nur ein Stimmungswert. Zusammen mit der Form, die es bildet, trägt es auch etwas vom Mythos der Ursprünglichkeit in sich.

Vielleicht ist es so, daß Rainer Lind heute eher bereit ist als früher, die Dinge, die er meint, präzise zu benennen. Aber das Erkennbare, durchaus Abbildhafte, ist weit davon entfernt, ein illustratives, realistisches Abbild der Wirklichkeit zu sein.

Nicht Lind ist der Realist, sondern die Betrachter, indem sie Kunst als eine, allerdings zweite, Wirklichkeit anerkennen, in der nicht die Dinge, wohl aber die Ideen dieser Dinge und vor allem Kreaturen auf eine ganz ruhige Weise lebendig werden. Wenn der Künstler in bezug auf die Transformationen von „gespürten Weltereignissen“ und ihrer zeichnerischen und zeichenhaften Notation gesprochen hat, so ist das ein Bekenntnis zur subjektiven Wahrnehmung von Wirklichkeit in ihrer Gestaltwerdung durch das Medium der Zeichnung, die bekanntermaßen in das Innere der Künstlerpersönlichkeit führt.

Es geht, wie mir scheint, diesem Künstler jedoch nicht um Wirklichkeit, sondern um das Ringen nach Wahrheit und den Ausdruck der Schönheit, die die Wahrheit besitzt.

Ganz im Sinne von Thomas von Aquin: „Das Schöne ist der Glanz des Wahren.“ Auch das Kunstschöne. Es nimmt in den Zeichnungen zuweilen jene Gestalt an, die wir einseitig für eine Nachbildung der Wirklichkeit halten. Aber gerade das ist es nicht. Es sind wahre Erfindungen! Seine Erfindungen!
Dr. Christian Vielhaber, WDR Köln
Veröffentlicht in NIKE EDITION, München 1992

DSGVO Cookie Consent mit Real Cookie Banner