Reinhart Büttner über Rainer Lind

RAINER LIND UND DIE SUBTILEN PORTRÄTS
Der Maler, Musiker und Filmemacher, aber auch Lehrer, Hochschullehrer, Dozent Rainer Lind, der im Rhein-Main-Gebiet und im Vogelsbergkreis lebt und arbeitet, geht seit vielen Jahren einer besonderen Leidenschaft nach und zwar einer, für die man nicht leicht einen Namen findet. Wenn man es Video nennt, wäre es zu wenig und zu ungenau, wenn man es Porträtieren nennt, wäre es einerseits irreführend, andererseits würde es etwas verstaubt und aus der Zeit gefallen riechen. Wollte man das, was er mit Hingabe und Erfolg tut, Interviewen nennen, würde es der kulturhistorischen Bedeutung nicht gerecht und würde weder die Subtilität, noch die Intimität wiedergeben, die seine Video-Porträts auszeichnen.
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Vielleicht inspiriert von der Nouvelle Histoire der französischen Anales-Schule hatte die Hinwendung der Historiker zur Alltagsgeschichte, Sozialgeschichte und der sogenannten „Geschichte von unten“ das zuvor übersehene und unterschätzte Individuum erneut in den Mittelpunkt des Interesses gerückt. Als Vertreter von Berufsgruppen, Minderheiten und anderen gesellschaftlichen Gruppierungen wurden ihre persönlichen Geschichten wichtig für die Betrachtung der großen und allgemeinen Geschichte.
Im Anschluss an die Diskurstheorie der 60ger und 70ger Jahre (Habermas, Foucault, Lyotard) entwickelte sich aus einer merkwürdigen Mischung von Philosophie, Politik-, Sozial-und Kulturwissenschaften, Werbung, Marktforschung und Medientheorie die Modevokabel des „Narrativs“ , die als unscharfer Begriff zwischen Diskurs, Dispositiv, Propaganda, Slogan und literaturhistorischer Erzähltheorie die gehobenen Feuilletons der Jahrtausendwende bevölkern sollte.
Aus dieser Gemengelage bezog Rainer Lind Interesse, Material und künstlerischen Impuls für sein neues Genre, das mit Minimalismus und bildhauerischem Zugriff das „Erzählporträt“ erfand, in dem interviewte Personen selbst ihre Geschichten erzählen. In dieser Haltung und Technik porträtierte Lind Personen, die ihm begegneten und auffielen und schuf, in der Tradition des großen, photographischen Vorbilds August Sander in hunderten von Video-Porträts einen veritablen Bilderbogen der Epoche.
Rainer Lind beherrscht das nuancierte Spiel von Distanz und Nähe und bewegt sich zwischen entlockender Aufklärung und tolerierender Sympathie, zwischen persönlicher Verantwortung und künstlerischem Gestaltungswillen auf eine Weise, die langes und intensives Training verrät. Als Lehrer und Dozent künstlerischer Fächer hatte er ausreichend Gelegenheit, sich in sozialen Situationen zu bewähren und die einmalige und schwierige Kombination von Freiheit und Disziplin, wie sie die Kunst fordert und ermöglicht, zu üben. So konnte er schlichte und kompliziere Menschen porträtieren, in sich Ruhende und Nervöse, Betuchte und Bedürftige, Geschminkte und Ungeschminkte, Exotische und Normalos … und jeder/ jede wird auf seine/ihre Weise interessant und irgendwie überraschend.
Dass so viele der Porträtierten so vieles von sich selbst erzählen, bleibt das Geheimnis der Lind’schen Empathie und Gesprächsführung. Die Vertrautheit, Ungezwungenheit und Intimität die man in den meisten Porträts erleben kann, hinterlässt den Eindruck , als habe sich hier ein Menschenfreund als Menschen-Sammler und Chronist betätigt und lauter Freunde zurückgelassen.
Am Beispiel der Lind-Porträts kann man sehen und lernen, was liebevolle Ernsthaftigkeit vermag, selbst und gerade, wenn sie in einem wenig originellen und bescheidenen Format auftritt.
Reinhardt Büttner // 2021