EDGAR: „Ich bin Übersetzer, Autor, Journalist – wie man es auch nennen mag. Ja, es stimmt schon, man ruft mich tatsächlich an! In der Branche gibt es kaum jemanden, der fest angestellt ist. Alle arbeiten freiberuflich, und welche Aufträge man bekommt, hängt im Grunde von Mundpropaganda ab – und davon, wo man bereits gearbeitet hat.
Bei mir war es zum Beispiel so, dass ich jahrelang mit einem Verlag zusammengearbeitet und mehrere Autoren betreut habe, deren konsekutive Bücher ich dann auch übersetzt habe. Das änderte sich, als der Verlag nicht mehr existierte oder die Autoren woanders untergekomen waren. Das ist typisch: Wenn man Literatur übersetzt, hat man oft bestimmte Verlage oder Redaktionen, für die man tätig ist. Im journalistischen Bereich ist es ähnlich – man arbeitet für bestimmte Redaktionen oder thematisch angebundene Verlage.
So läuft das alles ab. Wenn man, wie ich, wirklich davon lebt – und das über einen längeren Zeitraum –, kann man sich nur spezialisieren, wenn man sich eine sehr spezielle Nische sucht, die vielleicht sogar subventioniert wird. Die Übersetzung von Lyrik etwa ist ohne Subventionen, Preise oder Sponsoring schlicht nicht finanzierbar. Man kann das nicht bezahlen.
Ich übersetze tatsächlich viele Sachbücher, aber auch viel Journalistisches. Bei Büchern habe ich schon alles Mögliche gemacht: Belletristik, journalistisch orientierte Werke – etwa zum Nahen Osten – oder auch ganz andere Dinge, wie technische Fachbücher, sofern ich sprachlich kompetent bin.
Es gibt da diesen alten Spruch: Niemand liest einen Text so genau wie der Übersetzer, weil er keine andere Wahl hat. Man kann einen Text zwar überlesen, aber nicht übersetzen. Und hier habe ich auch schon den Fehler gemacht, einen Auftrag anzunehmen, nur um dann festzustellen, dass der Text so schlecht war, dass ich ihn eigentlich neu schreiben musste.
Ein weiteres Kriterium ist der Inhalt. Da habe ich mir durchaus erlaubt, Texte abzulehnen. Aber das ist eigentlich Luxus. Wer davon lebt, kann sich das nicht leisten. Man ist so eine Art Strizzi – man muss im Grunde alles annehmen. Wenn man sich sagt: „Ich nehme nur, was mich interessiert oder politisch korrekt ist“, dann ist das ein Privileg, das sich nicht jeder leisten kann.
Die Anfänge meiner Karriere lagen darin, selbst initiativ zu werden. Nach einer Reise nach Nordafrika brachte ich zum Beispiel einen Text einer marokkanischen Autorin mit, den meine damalige Freundin und ich interessant fanden. Daraufhin verfassten wir ein Gutachten und boten es einem Verlag an – und es klappte. Das war sozusagen mein Einstiegsticket. Die nächsten Bücher dieser Autorin habe ich dann über Jahre hinweg übersetzt und war damit auch thematisch etabliert.
Später gab man mir selbst Texte zur Begutachtung. Das habe ich für verschiedene Verlage gemacht: Lektoren, die etwa kein Französisch konnten, ließen sich von mir Gutachten schreiben, um zu entscheiden, ob sie ein Buch veröffentlichen wollten. Auf diese Weise ergaben sich natürlich auch wieder Möglichkeiten, die zu Übersetzungsaufträgen führten.
Das Ganze ist schlecht kalkulierbar, weil – wie gesagt – fest angestellt ist man in diesem Beruf kaum. Vielleicht als Fremdsprachenkorrespondent, aber nicht als Übersetzer. Die Texte aus Nordafrika hängen oft mit der Kolonialgeschichte zusammen: Frankreich und Algerien sind natürlich französischsprachig. Ich habe auch eine Ägypterin und eine Israelin übersetzt – da war die Sprache dann Englisch. Damals schrieben viele Autoren in den Kolonialsprachen, weil Arabisch als Literatur- oder Verkehrssprache noch nicht etabliert war.“
Edgar studiert Grafik Design und Germanistik in Darmstadt. Er übersetzte Wissenschaftliche Bücher gleichermaßer wie Themenbereichen Nordafrikas bis hin zu den arabischen Ländern. Für die TAZ und Le Monde Diplomatique war er als Autor und Übersetzer tätig.
Von der ersten Stunde an, schon in den 90ziger Jahren, beschäftigite er sich mit Digitaler Textverarbeitung und erinnert uns an Zeiten sehr rudimentärer Möglichkeiten …
(Dieses Video haben wir wenige Monate vor seinem Tod, im Juli 2012, aufgezeichnet)
